- bemerkenswerter Zeuge eines historischen Grenzstreits -

An der Gemarkungsgrenze zwischen Guxhagen und Dörnhagen hat über Jahrhunderte hinweg in der Feldflur ein ungewöhnlich altes Grenzmal gestanden, der sogenannte Märkerstein. Auf der behauenen Vorderseite ist groß die Jahreszahl 1564 herausgearbeitet. Darüber findet man eingerillte Symbole, über deren Alter und Bedeutung noch keine restlose Klarheit herrscht. Wegen seiner Bedeutung als kulturhistorisches Denkmal wurde der Stein etwa 1980 vom Regionalmuseum in Fritzlar in Obhut genommen und dann dort verwahrt.

Der HuGV Fuldabrück hat sich seit 2008 in Zusammenarbeit mit dem Hessisch-Waldeckischen Gebirgs- und Heimatverein Guntershausen / Guxhagen und den Gemeinden Fuldabrück und Guxhagen intensiv für eine Rückkehr dieses bedeutsamen Flurdenkmals an seinen Originalstandort eingesetzt.

Diese Initiative war inzwischen erfolgreich und das Grenzmal konnte am 12.September 2010 (Tag des offenen Denkmals) unter großer öffentlicher Beteiligung dicht an seinem Ursprungsplatz wiedererrichtet werden. In einer neu geschaffenen Nische am Wegesrand hat der Stein zusammen mit einer Bank und einer Hinweistafel seine „alte Heimat“ wiederbekommen.

Historische Grenzsteine gibt es viele. Was macht diesen steinernen Zeugen so bedeutend und außergewöhnlich?

Zunächst einmal muss auf sein beträchtliches Alter hingewiesen werden. Ein so gut erhaltenes Grenzmal aus dem 16.Jahrhundert ist in unserer Gemarkung – wahrscheinlich sogar Region - nicht bekannt. Auch andere Zeugnisse aus diesem Zeitalter, die Hinweise auf die Lebensumstände unserer Vorfahren liefern, gibt es nur spärlich. Beachtlich sind auch seine Größe und der Erhaltungszustand.

Ein weiteres Merkmal, das diesem Grenzzeichen überregional einen besonderen Rang verleiht, stellen die über der Jahreszahl eingerillten Zeichen dar. Nach übereinstimmender Auslegung von Fachleuten sollen diese Symbole auf Personen und deren Berufsstand hinweisen, die an der Grenzfestlegung ( = Abmarkung ) und Setzung des Steines beteiligt waren. So lässt sich auch der zunächst ungewöhnlich erscheinende Name Märkerstein herleiten. In unserem Falle deuten die Zeichen wohl auf fünf Personen hin:  Amtsperson (A),  Bauer (Pflugschar), Wagner (Rad), Hufschmied (Hufmesser) und Steinmetz (Spitzhammer). Es war in jener Zeit nicht ungewöhnlich, dass an der Setzung wichtiger Grenzsteine öffentlich anerkannte und einflussreiche Personen der Anrainer beteiligt waren. Sie standen als Zeugen oder Grenzgeschworene dafür ein, dass es bei der Grenzziehung mit rechten Dingen zuging. Um die Beweiskraft für den Standort des Steins zu sichern, durfte jeder Grenzgeschworene einen kleinen persönlichen „Zeugen“ (Münzen, Gefäß, Werkzeug usw.) genau unter dem Stein vergraben. Er wurde geheim gehalten und sollte das heimliche Versetzen des Steins erschweren. Ob eine solche Prozedur auch am Märkerstein stattgefunden hat, wissen wir nicht. Auch ist leider ungewiss geblieben, welche historischen Personen hinter den berufsständischen Symbolen gesteckt haben.   
Erwähnenswert ist noch, dass der Märkerstein auf der Oberseite ein eingerilltes Kreuz zeigt, was ebenfalls auf seinen besonderen Rang hinweist und klar macht, dass an dieser Stelle mehr als zwei Territorien aneinanderstießen.

Am auffälligsten für den Betrachter ist allerdings die auf großer Fläche herausgearbeitete Jahreszahl 1564. Mitglieder des Heimat- und Geschichtsvereins Fuldabrück begaben sich deshalb im Frühjahr 2010 auf intensive Spurensuche, um in Erfahrung zu bringen, was es mit der Jahreszahl und dem damit verbundenen Ereignis möglicherweise auf sich hat. Vage Vermutungen über die historischen Hintergründe verdichteten sich bei Recherchen im Staatsarchiv Marburg. Dort fanden sich Dokumente, die auf den Zeitraum 1550-1570 datiert waren und den inhaltlichen Titel führten: Streitigkeiten der Gemeinden Guxhagen und Grifte mit der Gemeinde Dörnhagen über den Casselbusch.

In der Dörnhagener Gemarkung existiert tatsächlich die Flurbezeichnung Casselbusch noch immer, und zwar exakt in der fraglichen Umgebung des Märkersteinstandortes. Somit war klar: Hier musste es Zusammenhänge geben.

Inzwischen können wir uns nach gründlicher Auswertung der historischen Texte ein ziemlich genaues Bild darüber machen, welche Ereignisse sich hinter der Jahreszahl 1564 verbergen.

Zwischen 1550 und 1570 hatten sich im Casselbusch andauernde „Irrungen und Gebrechen“ zwischen den „Dorffschaften Dornhain, Guckshain und Griffta“ zugetragen, wie das in spätmittelalterlicher Sprache in den handgeschriebenen Dokumenten ausgedrückt wurde. Was steckte dahinter?

Die den Grenzstein umgebende Feldflur war im 16.Jahrhundert noch ein zusammenhängendes Waldgebiet. Erst im 18.Jahrhundert wurde der Casselbusch von Dörnhagener Bauern schrittweise gerodet und dann landwirtschaftlich genutzt. Und genau um dieses Waldgebiet drehte es sich bei den jahrelangen Grenzstreitigkeiten zwischen den Dorfbewohnern. Um das einigermaßen zu verstehen, muss man einen Blick werfen auf die Lebensverhältnisse der Dorfbevölkerung in jener Zeit. Obwohl nur die wenigsten Dorfbewohner eigenen Grundbesitz hatten, stellte die Landwirtschaft und die Viehhaltung den Mittelpunkt des Lebenserwerbs dar. Dazu gehörte auch die Waldnutzung. Dass Wald als Quelle für Bau- und Brennholz eine wichtige Rolle gespielt haben wird, das ist auch aus heutiger Sicht naheliegend. Was uns aber inzwischen weniger geläufig ist, war damals mindestens ebenso bedeutsam: der Wald als Weidefläche. Vom Frühling bis in den Herbst hinein wurden nicht nur Schafe und Ziegen, sondern auch Schweine und Kühe vom Dorfhirten in dafür vorgesehene Hutewälder getrieben. Besonders der Herbst war eine wichtige und ertragreiche Mastzeit. Bei der Überwinterung und Stallhaltung des Viehs übernahm darüber hinaus aufgesammelte Laubstreu aus den Wäldern die Rolle des vielerorts fehlenden Strohs. Auf einen Nenner gebracht: die Nutzung des Waldes war für das Leben und Überleben unentbehrlich. Da der überwiegende Teil der ländlichen Bevölkerung ohne eigenen Grundbesitz lebte, waren die Möglichkeiten für die Waldnutzung sehr begrenzt. Die nahe liegende Söhre als großes Waldgebiet war in landgräflichem Besitz und stand auch - was Holzeinschlag oder Huterechte anging - weitestgehend unter herrschaftlicher Nutzung. Der Casselbusch dagegen war gemeiner Wald, also „Untertanenwald“, den sich die angrenzenden Dörfer irgendwie zu teilen hatten. Klar gekennzeichnete und von allen Anrainern anerkannte Grenzen gab es allerdings noch nicht. Jetzt braucht man keine große Phantasie mehr, um sich auszumalen, dass diese Konstellation nahezu zwangsläufig Konflikte mit sich brachte. Wer durfte an welcher Stelle Holz schlagen und nach Hause holen? Wie weit durfte der Dorfhirte mit seinen Tieren zur Mast in den Wald vordringen? Solche und ähnliche Fragen gehörten zum Alltag. Gegenseitige Vorwürfe und Beschuldigungen wegen Grenzverletzungen und Holzfrevel waren zwischen der Bevölkerung von Dörnhagen, Guxhagen und Grifte an der Tagesordnung und wurden schließlich von schreibkundigen Personen auch aktenkundig gemacht.

Der Rechtsstreit wurde zusätzlich kompliziert, weil im bewaldeten Casselbusch in territorialer Hinsicht ein Ausnahmezustand herrschte. Gleich mehrere landgräfliche Territorien („Ämpter“) stießen hier aneinander : Guxhagen gehörte zum Amt „Milsungen“, Grifte zum Amt „Gudensperck“, Dörnhagen zum Amt „Cassel Neustadt“ und schließlich war auch das damalige Amt „Bauna“ mit Guntershäuser Gemarkung nicht weit. So beschäftigte der Grenzstreit gleich mehrere Ämter und führte dazu, dass das Aktenpaket der „Supplikationen“ (Beschwerden) zwischen 1550 und 1563 immer dicker wurde. Der Landgraf persönlich (Philipp der Großmütige) beauftragte schließlich im Dezember 1563, als er sich um Weihnachten im inzwischen weltlichen Kloster Breitenau aufhielt, seinen höchsten Forstbeamten damit, den jahrelangen „Irrungen und Gebrechen“ zwischen den „Dorffschaften“ ein Ende zu bereiten und „Maß und Ordnung“ zu geben.

So kam es im August 1564 dann zur Unterzeichnung eines dreiseitigen „Friedenscontractes“, der den angrenzenden Dörfern Dörnhagen, Guxhagen und Grifte auferlegt wurde. Darin wurde der Grenzverlauf genauer als bisher festgelegt. In dem Schlichtungsabkommen mussten sich die drei beteiligten Dörfer verpflichten, Verhaltensregeln, die der Vertrag enthielt, zu akzeptieren und auch einen Strafkatalog für Übertretungen anzuerkennen. Auf Geheiß des Landgrafen sollten acht neue „Malsteine“ (=Grenzsteine) gesetzt werden.

Dieser friedensstiftende Eingriff der landgräflichen Verwaltung wurde am Tag des offenen Denkmals 2010 am Originalschauplatz von Darstellern in historischen Kostümen neu in Szene gesetzt und bot den Rahmen für die festliche Wiedererrichtung des Märkersteins. In den historischen Originaldokumenten ist bei der Beschreibung des Grenzverlaufes von einem besonders „großen Malstein“ die Rede. Wir haben gute Gründe anzunehmen, dass es sich dabei um den heutigen Märkerstein handelte. Er kennzeichnete bereits damals einen wichtigen Wendepunkt im Grenzverlauf.

Bemerkenswert ist, dass der damals im Casselbusch neu festgelegte Grenzverlauf bei späteren territorialen Neuregelungen nie mehr verändert wurde und bis in unsere Tage seine Gültigkeit behalten hat. Genau dort verläuft nämlich noch heute nicht nur die Gemarkungsgrenze zwischen Dörnhagen und Guxhagen, sondern die Grenzlinie trennt wie damals in 1564 zwei historische „Ampter“, die jetzt allerdings zu Landkreisen geworden sind: Landkreis Kassel und Schwalm-Eder-Kreis.

Geglückte Rückkehr des Märkersteins

am Tag des offenen Denkmals 2010

 
Irrungen und Gebrechen im Casselbusch

- anno 1564 -

War einst ein  Landgraf lobesam,
der einen Stein zu Hilfe nahm
und Frieden brachte zu den Chatten,
die Streit an ihren Grenzen hatten.

Guckshainer, Grifter führten Klagen,
die Gegner kamen aus Dörnhagen.
Im Casselbusch gab´s keine Ruh,
weil Ziegen, Schafe, Schwein und Kuh,
wenn sie mal in den Wald getrieben,
nicht nur am selben Platze blieben.

Und Futter dann auch nicht verschmähten,
wenn sie es weiter dort erspähten,
wo eigentlich des Nachbars Wald.
Und niemand sagte wirklich: Halt!

Auch haben manch gewiefte Chatten,
die vor der Tür kein Holz mehr hatten,
sich selbst bedient mit ganzer Kraft
am Klafterholz der Nachbarschaft.

Wer Täter war, der gab´s nicht zu,
er schob´s dem Nächsten in die Schuh.
Dem Landgraf wurde es zu bunt.
Und schließlich tat er allen kund:
Im Casselbusch herrscht Frieden jetzt!
Ein neuer Grenzstein wird gesetzt!
Der soll dann Maß und Ordnung geben
für friedlich nachbarliches Leben.

So kam es dann, dass unseren Ahnen,
bekannt als treue Untertanen,
ein gütlich Urteil ward verkündet,
das alle fest an Frieden bindet.

All das geschah tatsächlich hier
anno
Tausendfünfhundertsechzigundvier
(Norbert Maurer u. Rolf Mell, Fuldabrück)

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